Die Bettleroper

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Die FAZ über Mathias Tretters "Nachgetrettert"

Kabarettist in Vollbeschäftigung – Mathias Tretters "Jahresrevanche" im Stalburg Theater

Manchmal, ist man versucht zu glauben, versteht selbst ein Kabarettist die Welt nicht mehr: "Was machen Sie denn hier?" Schließlich könnte doch Mathias Tretters Publikum in der Tat, gerade wie es sich gehört, an einem Sonntagmorgen auch behaglich auf der Couch herumlümmeln und still und leise über die jeweils eigene Bilanz des Jahres räsonieren. Was war schön und hat uns amüsiert, was eher nicht, und was wird wohl werden 2010? Einerseits. Doch andererseits ist das ohnehin nichts als blankes Understatement bei einem Künstler, der im Frankfurter Stalburg Theater schon ein Heimspiel hatte, als er noch nicht den Satirischen Wochenrückblick im Hessischen Rundfunk servierte.

Vor allem aber wäre das naturgemäß bei weitem nicht so komisch wie Tretters schon traditionelle "Kabarettistische Jahresrevanche". Zwar mag sich mancher noch erinnern an das Superwahljahr, an "Yes we can", Obama und den "Nobelpreis für Ausstrahlung" oder an die Abwrackprämie. Doch wer sonst wohl dächte neben all den Höhepunkten frech und respektlos an die schönsten Niederlagen, an all die Peinlichkeiten und die unfreiwillig komischen Verluste? An George W. Bush zum Beispiel - unersetzlich nicht nur im Kabarett. An Dresdens Weltkulturerbetitel. Oder gar 20 Jahre Mauerfall. Vom Opfer des Organhandels, der SPD also, mal ganz zu schweigen: "Erst hat Schröder ihr Herz verkauft, dann ist ihr Lafontaine an die Nieren gegangen, und dann hat Merkel sie zur Ader gelassen."

Kurzum, die Bilanz des Jahres fällt wie kaum anders zu erwarten ganz und gar durchwachsen aus. Doch immerhin, seine persönlichen Ziele hat Tretter offenbar erreicht. Denn nicht nur, dass er mit Philipp Weber und Claus von Wagner und also seinen Mitstreitern vom "Ersten Deutschen Zwangsensemble" im Februar den Deutschen Kleinkunstpreis erhält. Er gehört auch sonst ganz zweifellos zu den Gewinnern: "Ich habe FDP gewählt - weil ich unbedingt Guido Westerwelle als Außenminister erleben will." Das, könnte man einwenden, nennt man Galgenhumor. Doch weit gefehlt.

Zwar sei das eingedenk all der hervorragenden Persönlichkeiten von Hape Kerkeling über Alfred Biolek bis Anne Will fraglos ein "PR-Desaster für die Homosexuellenbewegung". Doch folgt man dem mittlerweile in Leipzig heimisch gewordenen Satiriker, dann knallen angesichts derlei komischer Aussichten und mithin in Anbetracht der unweigerlich nun bevorstehenden fetten Jahre auf den Kleinkunstbühnen der Republik die Sektkorken: "Schwarz-Gelb, das bedeutet für Kabarettisten schließlich vier Jahre Vollbeschäftigung." Und wie es aussieht, ist das nicht einmal geflunkert: Nach dreieinhalb Jahren hat Tretter seinen "Satirischen Wochenrückblick" beim sonntäglichen "Kulturfrühstück" im Rundfunk gerade eben aufgegeben.

Christoph Schütte, Dienstag, 29. Dezember 2009


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