Die Bettleroper

Die Bettleroper

Die FAZ über Holger Paetz beim STOFFEL

Kein Kappuchino im Kännchen – Holger Paetz bei "Stoffel" im Günthersburgpark

Warum, Herrgott, hast du uns Hirn gegeben und zu welchen Zweck? Wenn es doch ein Sieb ist und das, was hängen bleibt, in aller Regel nicht der Rede wert. Warum gibt es keinen "Kappuchino" mehr, mit "K" und sehr viel Sahne und draußen auch als Kännchen? Warum wird Mineralwasser heute nur noch als Eventcocktail serviert? Und warum stehen einem die anderen Menschen ständig im Weg herum? Fragen über Fragen, die man sich schon mal stellen kann.

Zwar weiß auch Holger Paetz keine Antwort. Doch was der Münchner Kabarettist, der jetzt beim Umsonst-und-draußen-Festival "Stoffel" des Stalburg-Theaters im Frankfurter Günthersburgpark zu Gast war, in weiten assoziativen Schleifen daraus macht, ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch dramaturgisch gut gebaut. Denn eigentlich sitzt Paetz die ganze Zeit nur im Café gegenüber seiner Bank und sinnt auf Rache: "Ich versuche einen privaten Einnahmeausgleich." Denn wer wohl hat den ganzen Zaster schlicht verbrannt? Mag sein, das sind "toxische Gedanken" für einen Moralisten, wie es ein Kabarettist naturgemäß nun einmal ist, der sich in München vor allem als Autor des Salvator-Singspiels und ebendort als Westerwelle-Double einen Namen gemacht hat.

Doch wie die Banken, so der Rächer: Derlei wird ausgelagert - ins "Bad Brain". Da stört es keinen. Und das Gewissen bleibt intakt. Und doch sind die schönsten Momente dieses "Best of" aus zwei Programmen jene, in denen Paetz das viele Geld und die verlorene Erbschaft, den Coup, den großen Plan, die Flucht und die Seychellen auch einmal vergisst. Und sich verliert in beiläufigen Beobachtungen und Suaden aus dem und über den banalen Alltag, in hier abseitigen, dort naheliegenden Spekulationen über "Kappuchino" und Cappuccino, Pfeffermühlen auf deutschen Tischen und Gottes seltsamen Humor.

Denn ein Hirn, das stets und immer nur vergisst, Namen und Daten, Gedichte und Gedanken einfach aussortiert und derweil den ganzen anderen Müll der schönen neuen Medienwelt partout nicht trennt - was wohl will der liebe Gott uns damit sagen? Noch einmal also Fragen über Fragen. An Gott, die Menschen und die Welt. Zwar lässt keiner der Befragten auch nur von sich hören. Doch wenigstens ist da mal einer, der sie stellt.

Christoph Schütte, Donnerstag, 22. Juli 2010


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