Das Dreckrändchen

Das Dreckrändchen

Die FAZ über Claus von Wagner beim STOFFEL

Drei Sekunden Gegenwart – Claus von Wagner bei "Stoffel" in Frankfurt

Das sind doch endlich einmal gute Nachrichten. Schließlich ist es noch nicht allzu lange her, dass man in den Feuilletons feierlich zu Grabe trug, was einst die Republik erschüttert hatte, in Bayern zu Bildausfall führte und mangels gesellschaftlicher Relevanz mitsamt seinem Lehrerpublikum einfach so verschwand. Doch jetzt hat Claus von Wagner festgestellt, dass es nicht totzukriegen ist. Besser noch: "Das Kabarett bewirkt wieder was." Und irgendwie hat der Mann offensichtlich recht. Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Ole von Beust und tutti quanti: "Das waren wir, meine Damen und Herren."

So viel Selbstironie ist selten in den moralischen Anstalten der Brettlbühnen. Doch Wagner, der jetzt im Rahmen des "Stalburg Theater offen Luft"-Festivals "Stoffel" im Frankfurter Günthersburgpark zu Gast war, gilt nicht umsonst als eine der größten Entdeckungen des Genres in den vergangenen Jahren. Ein Politkabarettist, keine Frage, doch einer, der schon seit dem Beginn seiner Bühnenkarriere nach einer Form jenseits des gelegentlich antiquiert daherkommenden Nummernkabaretts sucht. Das Vorgängerprogramm "Im Feld" war der erste große Wurf in dieser Richtung. Mit dem aktuellen Stück "Drei Sekunden Gegenwart" bleibt der gerade einmal 32 Jahre alte Künstler seiner formal am Theater anknüpfenden Linie treu.

Wieder steht er als einigermaßen typischer Vertreter seiner Generation auf der Bühne, diesmal auf dem Speicher seiner Eltern, stöbert hier in alten Zeugnissen, findet dort die Anwaltsrobe seines Vaters, stößt auf ein paar alte Folgen "Sesamstraße", seinen guten alten Amiga und dergleichen Hinterlassenschaften mehr, nur, um immer wieder in der tristen Gegenwart zu landen, die ihm in Gestalt der einstigen Geliebten und Mutter des gemeinsamen Kindes den Umgang mit dem Töchterchen nicht gönnt.

Das hat man, zugegeben, in Kabarett und Comedy schon gut und gern hundertmal gehört. Doch wie es Wagner mit stupender Leichtigkeit gelingt, Weltspartag und Finanzkrise und seinen eigenen Heimatkundeunterricht mit der allgemeinen Bildungsmisere kurzzuschließen und immer wieder das Große im Kleinen, das Politische im Privaten und das Lächerliche und Tragikomische des Parlaments- und Welttheaters im banalen Alltag seines Protagonisten zu spiegeln, das ist nicht nur ziemlich komisch, sondern vor allem gut gemacht. Dass es dem Stück in der verkürzten "Stoffel"-Fassung ein wenig an dramaturgischer Stringenz mangelt - sei's drum. Am 16. September ist Claus von Wagner wieder im Stalburg Theater und zeigt noch einmal dichte "Drei Sekunden Gegenwart". Dann in voller Länge.

Christoph Schütte, Samstag, 24. Juli 2010


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