Das Dreckrändchen
Die FNP über den Stoffel
Sommer, Sonne & Parkgeflüster
Petra Wittek und Ute Bechtloff haben es sich im Günthersburgpark auf Decken bequem gemacht. Sie haben ihre Schuhe ausgezogen und trinken ganz entspannt ein Glas Rotwein – so lassen sich die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen. Neben der Decke steht eine rot-weißfarbene Kühlbox. Und die hat‘s in sich: Die beiden Offenbacherinnen haben sie für ihr Picknick bis zum Rand mit Käse, Wurst, Brot und Wein gefüllt. Eine ganze Kompanie würde davon satt.
Aus den Lautsprechern der rund 50 Meter Luftlinie entfernten Bühne hallen rockige Klänge herüber. Die Lautstärke ist angenehm, Ohrenstöpsel wie bei den großen Festivals sind überflüssig. Die Coverband «X-IT» spielt Hits von Genesis, Herbert Grönemeyer oder Michael Jackson. «Das hier ist eine tolle Sache», sagen Petra und Ute. Vor allem, dass das Stoffel so abwechslungsreich ist, gefällt den beiden.
Bundesweit einmalig
«Stoffel» ist das Freiluftfestival des Stalburg Theaters im Günthersburgpark. Zum siebten Mal wird es veranstaltet. Vier Wochen gibt es täglich Musik, Kabarett, Lesungen und Theater – und zwar ganz umsonst. «Ich glaub‘, das ist bundesweit einzigartig», sagt Michael Herl, einer von drei Geschäftsführern des Theaters. Jeden Tag stehen zwei oder drei Künstler auf der Bühne. Besucher machen es sich entweder auf Biergarnituren oder den mitgebrachten Decken bequem. In diesem Jahr könnte es einen neuen Besucherrekord geben. «Momentan kommen im Schnitt 3500 Leute pro Abend», freut sich Herl und schaut auf die Schlangen an den Verkaufsständen.
Dort gibt es Getränke und Speisen – unter anderem Bratwürste nach Geheimrezept von Herls Großonkel. Die Würste gehen weg, wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Doch am Stand geht es gesittet zu, niemand drängelt oder schiebt. Das liegt sicher am Klientel, das hier etwas älter ist. Auch 60- oder 70-Jährige liegen bei einem guten Tropfen entspannt auf Decken und unterhalten sich mit Freunden. Oder spielen mit den Enkeln. Denn das Festival ist für Alt und Jung, überall im Park spielen Kinder Fangen oder Fußball.
«Hier ist alles sehr zwanglos, wir haben weder Verzehrzwang noch Dresscode», sagt Herl. In Frankfurt werde vieles in Schablonen gepresst, da sei es nur wohltuend normal, dass im Günthersburgpark ein anderer Wind wehe. Das Festival finanziert sich über die Gastronomie und Spenden. «Diejenigen, die können, dürfen viel spenden», sagt Herl. «Diejenigen, die nicht können, müssen nicht.» Es laufe nach dem Prinzip der Solidargemeinschaft. «So können sich auch Hartz-IV-Empfänger Kultur leisten. Es gibt hier nämlich genügend gestopfte Nordendler, die mehr zahlen können.»
Das Prinzip jedenfalls geht auf den ersten Blick auf: Wenn die freundlichen Spendensammler mit roten Kübeln durch die Reihen laufen, greift jeder in die Hosentasche, zieht ein paar Münzen oder Scheine heraus – schließlich hofft jeder auf eine Fortsetzung des Festivals im kommenden Jahr.
Flauschige Decke dabei
Beim Freilichtfestival der Dramatischen Bühne im Grüneburgpark läuft alles etwas anders. Zuschauen darf nur, wer Eintritt bezahlt. Das Gelände ist umzäunt, die Stimmung ebenso locker. Leute sitzen auf weißen Plastikstühlen oder machen es sich auf orangefarbenen Liegestühlen bequem. Mittendrin sind Steffi, Verena und Marion. Sie haben sich etwas zum Knabbern und Wein mitgebracht. «Die Stimmung ist sehr entspannt und einfach gemütlich», sagen sie. Verena hat eine flauschige Decke dabei, in die sie sich kuschelt, wenn es abkühlt – die Vorstellung beginnt erst um 20.45 Uhr. «Open air ist einfach alles toll. Und Theater sowieso», schwärmt Marion. Sie ist im vergangenen Jahr fast jede Woche zu den Aufführungen der Theaterstücke gekommen.
Auf einer Bierbank etwas entfernt sitzen Maria, Sascha und Maria. Sie haben fast den Supermarkt leergekauft. Der Tisch biegt sich unter Prosecco, Wein, Würstchen, Käse, Brot, Trauben und anderen Köstlichkeiten. «Das hier ist ein schönes Abendprogramm. Hundert Mal besser, als in der Kneipe zu sitzen oder den Abend vor der Glotze zu verbringen», meint Sascha. Er liebt die einzigartige Atmosphäre. Die Bäume passen sich dem Bühnenbild an. Und wie im Günthersburgpark kann man auch im Westend die Seele baumeln lassen und dabei Kultur genießen.
Das vermisst Herl generell. «Es gibt noch viel zu wenig, das in Frankfurt draußen ist. Die Nachfrage der Bürger jedenfalls ist gigantisch, der Wunsch danach groß.»
Denise Klug, Montag, 26. Juli 2010


