Das Dreckrändchen
Der Rheinische Merkur über den STOFFEL
Mach disch logger
Lesungen im Park, Kino auf der Plaza, Theater auf der Treppe. Die Kultur geht an ungewohnte Orte. Ein Streifzug durch Frankfurt. – Am „Main Plaza“ will Frankfurt ein bisschen Nizza und ein bisschen Rom sein. Teure Apartments, schicke Hotels, mediterrane Edel-Restaurants. Gegen Mitternacht nimmt eine riesige Leinwand ihren Betrieb auf, davor sitzen ein paar hundert Leute, bunt gemischt, ein wenig bürgerlich, ein paar Bohemiens, die meisten mit einem Glas Rotwein in der Hand. Sie schauen auf Anita Ekberg, wie sie auf der großen Leinwand gerade in den Trevi-Brunnen steigt und „ihrem Marcelo“ ein „Komm“ dahinhaucht. Der Klassiker „La Dolce Vita“ gehört zum Programm der „Frankfurter Kinowoche“, in der das Filmmuseum jährlich an ungewöhnliche Orte lädt. „Das ist Werbung für unser kleines Kino“, sagt Leiterin Ulrike Stiefelmayer. Im Rest des Jahres zaubert sie ein ambitioniertes Programm aus Film noir, Schlöndorff-Werkschauen, japanischen Trickfilmen und Cannes-Preisträgern. Sommers an der frischen Luft darf das Angebot massentauglicher sein.
In den Günthersburgpark am Rand des Nordends sind am selben Abend etwa 600 Menschen gekommen. Es gibt Stände mit Bier, Wein und Bionade. Das Publikum picknickt auf dem Rasen und lauscht drei Redakteuren des Satiremagazins „Titanic“. Sie verfassen eine Standard-Trauerrede für den von Sarg zu Sarg eilenden Verteidigungsminister und persiflieren Senioren am Zebrastreifen. Dazwischen kommt „Michi“ Herl, knorriger Festivalleiter und Frankfurter Urgestein, um eine Unwetterwarnung durchzugeben. Von nun an sei man „auf eigene Gefahr hier“, witzelt er.
Nur zwei Dutzend Gäste stehen auf. „Stoffel“ heißt dieses Sommerfestival von Herls Stalburg Theater, eine bunte Mischung aus Musik, Kabarett und Lesungen. Der Eintritt ist frei, Spenden werden gesammelt und Bier und Bio-Würste verkauft. „Wir sind wohl das größte Festival dieser Art in Europa“, sagt Kochefin Petra Gismann stolz. Mittlerweile kommen 40 000 Leute in vier Wochen. Und der Erfolg fürs Haus? „Wir machen im Theater gerade eine Gästebefragung. Und sehr viele sagen, sie kennen uns vom Stoffel.“ Das populäre Fest zieht leichter Sponsoren als das übliche Programm – und finanziert die Mitarbeiter des Hauses im spielfreien Sommer.
In Frankfurt wie in anderen Städten gehen Museen, Theater und Verlage zunehmend nach draußen, um neues Publikum zu finden. „Solche Veranstaltungen“, hofft Kulturdezernent Felix Semmelroth, „können auch Leute neu für bestimmte Kulturgüter interessieren, gerade in ihrer oft ungezwungenen Atmosphäre.“ Als herausragendes Beispiel nennt er die beiden Museumsfeste „Museumsuferfest“ und „Lange Nacht“. „Da können Sie an einem Abend durch ein Dutzend Häuser flanieren und sich inspirieren lassen, wo Sie demnächst einmal ausführlich reinschauen wollen“, schwärmt er.
Auch Verlage haben das Prinzip für die Eigenwerbung entdeckt. Im April lud zum Beispiel Schöffling in die Nationalbibliothek zur Eröffnung der Reihe „Frankfurt liest ein Buch“. Eigentlich ist der Große Saal mit mehreren hundert Plätzen dafür ausreichend. Doch diesmal mussten Leute abgewiesen werden. Prominente wie Krimiautor Jan Seghers, Michi Herl und der ARD-Börsenjournalist Frank Lehmann lasen aus „Kaiserhofstraße 12“. Das Buch erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die ganz offen während der Nazi-Diktatur in Frankfurt überleben konnte. „Wunder“ war das am meisten gebrauchte Wort des Abends.
Die Reihe mit 200 Veranstaltungen in Buchhandlungen, Schulen, einem Parkhaus oder der schummrigen „Venus Bar“ erreichte 17 000 Menschen. „Das Zauberwort war ‚unser Städtche‘“, sagte Organisator Lothar Ruske, Buchliebhaber und Literaturpromotor. „Selten hat eine Veranstaltung so viel Identität gestiftet“, ergänzt Kulturdezernent Semmelroth. Und viele kauften am Büchertisch, die eher selten eine Buchhandlung betreten.
Auch das „LiteraTurm“-Festival vertraut nicht allein auf die Macht des Wortes, sondern auch auf die Magie des Ortes. Es führt sein Publikum in die Türme der Stadt. In diesem Jahr eröffnete es in Frankfurts neuestem Wolkenkratzer, dem 170 Meter hohen Opernturm, einem Bürohochhaus neben der Alten Oper. Hauptmieter ist die Schweizer Bank UBS. Rund 350 Menschen strömten in den 43. Stock, genossen den Blick über die Stadt von einem ihrer höchsten Punkte – und scharten sich danach um ein Podium aus Wissenschaftlern und Literaten, die über neuere Literatur sprachen.
Doch von dieser hohen Warte aus wurde auch eine Nebenwirkung des Konzeptes sichtbar: Wenn der Ort – neudeutsch: die Location – für einen Teil des Publikums attraktiver ist als das Programm, müssen die Veranstalter mit spürbarer Ungeduld der Besucher rechnen. Schon früh lichteten sich bei „LiteraTurm“-Beginn die Reihen. „Sehr elitär“, merkte ein Gast im Hinausgehen an. Immerhin: Die Veranstaltungen waren ausverkauft. Nur eine Buchhändlerin grummelte, sie habe im letzten Jahr mehr verkauft. Für das Buch wurde ja auch weniger geworben als für das Bauwerk.
Volker S. Stahr, Donnerstag, 29. Juli 2010


